Wie die Barbie-Puppen vielfältiger wurden

Ein Körper, ein Gesicht - und als einzige Variation die Frisur?

Silkstone Barbie Victoire

Silkstone Barbie Victoire

Die eintönigen Zeiten sind längst vorbei, denn im Barbie-Universum ist ein neuer Planet gesichtet worden. Und sein Name ist "Vielfalt".

Zu gewissen Zeiten kommen mehr neue Puppen in die Vitrinen als sonst. Einfach weil man mehr in Stimmung ist oder man einfach zu viel sieht, das man unbedingt haben muss. Bei mir war es erst einmal eine Silkstone Barbie. Diese Puppen bestehen aus einem besonderen, recht schweren und seidenglatten Material, das eben Silkstone genannt wird. Sie sind recht teuer, aber viele Sammler haben sich auf diese Modelle festgelegt.

Eine Silkstone ist normalerweise völlig straight und sehr den ersten Modellen der Barbie angenähert. Elegant bis neckisch, aber immer sehr auf ihre Weiblichkeit bezogen. Meine Puppe sah ich im Internet und war sofort fasziniert, denn diese Silkstone hat Gelenke. So gesehen ist sie eine Hybride, denn ihre verzickte Eleganz kommt mit ganz neuen Möglichkeiten.

Victoire, so ihr Name, trägt im Original ein kurzes, ärmelloses schwarzes Kleid und hohe, ebenfalls schwarze Stiefel. Das Outfit finde ich recht einfallslos und habe das schnell geändert. Und überhaupt: Victoire ist kein Typ für Schaftstiefel. Höchstens für zierliche Stiefeletten. Die seitwärts sehenden Augen und der hochdramatische Lidstrich erinnern wirklich sehr an die allererste Barbie. Ebenso wie die Pferdeschwanzfrisur und der Seitenscheitel. Außerdem hat sie, genau wie das erste Modell, rotlackierte Zehennägel.

Silkstone Barbie Victoire

Silkstone Barbie Victoire

Silkstones werden in einem eleganten Karton verkauft, aus dem die Puppe sehr leicht herauszuheben ist. Keine Flüche, keine Nagelschere und keine Engelsgeduld sind notwendig - von dem beträchtlichen Abfallhäufchen einer normalen Verpackung einmal abgesehen. Hier war das Auspacken eine richtige Freude.

Sehr anziehend war auch der Preis - ein richtiges Schnäppchen. Aber was das Wichtigste ist: Victoire wirkt absolut nicht dümmlich. Kultivierte Intelligenz wäre möglicherweise ein passendes Wort dafür. Wie auch immer, diese geballte Ladung damenhafter Weiblichkeit aus den fünfziger Jahren steht den anderen Neuankömmlingen gegenüber wie ein Wesen vom anderen Stern.

Mattel bringt mittlerweile Puppen heraus, die besonderen Menschen nachempfunden sind. Es gibt tatsächlich eine Angela-Merkel-Puppe, die allerdings nur vage dem Typ der Kanzlerin entspricht. Was mich weitaus mehr interessierte, war Amelia Earhart, die berühmte Fliegerin, die bei ihrem letzten Rekordversuch verschollen ist und für tot erklärt wurde.

Barbie: Amelia Earhart

Barbie: Amelia Earhart

Earhart war eine absolute Pionierin und wurde zur Wegbereiterin für viele nachfolgende Frauen, die das Fliegen liebten. Um ihr Verschwinden haben sich viele Geschichten gebildet - und immer wieder gibt es Meldungen, dass das Wrack ihrer Lockheed Electra gefunden worden sei. Tatsächliche Beweise scheint es noch keine zu geben, aber dass ihr geplanter Transatlantik-Flug ein böses Ende nahm, ist sicher. Mit ihr starb ihr Navigator, Fred Noonan.

Die Earhart-Barbie zeigt sich in voller Flugmontur: Breeches, kurze Fliegerjacke sowie Helm und Brille, dazu ein weißer Schal. Die Puppe hat flache Füße, die in hohen Stiefeln stecken. Sie ist straight, hat aber bewegliche Arme und Handgelenke. Die Ähnlichkeit mit dem Original ist beträchtlich: kurze, wuschelige Haare in diesem speziellen rötlichen Ton und ein hübsches Lächeln. Sie ist perfekt. Und so völlig anders als die Silkstone-Puppe. Hier treffen Welten aufeinander, könnte man meinen.

Amelia Earhart-Barbie

Amelia Earhart-Barbie

Aber Amelia ist nicht die einzige Frau, die nach den Sternen gegriffen hat. Das hat auch Frida Kahlo, wenn auch auf andere Weise. Diese leidenschaftliche mexikanische Künstlerin hat einen interessanten Lebenslauf, der immer wieder durch ihre Leiden (sie wurde bei einem Unfall sehr schwer verletzt und erkrankte an Kinderlähmung) geprägt wurde. Sie war mit Diego Rivera verheiratet, der ebenfalls ein berühmter Maler war und in dessen Schatten sie zeitlebens stand.

Ihre kraftvollen, überaus farbigen und sehr berührenden surrealistischen Gemälde kennt fast jeder. Am bekanntesten dürften ihre Selbstporträts sein. Kahlo war eine vielschichtige, starke Persönlichkeit, die auf ihre Weise für eine lebenswerte Welt gekämpft hat. Weibliche Maler hatten es nie leicht, und auch Kahlo erfuhr nicht die Anerkennung, die ihr gebührte, als sie noch lebte. Die Wiederentdeckung ihrer Kunst und die Würdigung ihrer Person haben wir nicht zuletzt der Frauenbewegung zu verdanken.

Frida Kahlo-Barbie

Frida Kahlo-Barbie

Ihr kleines Abbild sorgte für Ärger, denn die Erben fanden es unangemessen, dass eine Barbiepuppe die Künstlerin darstellen soll. Und das finde ich eben überzogen, denn wenn Mattel neue Puppen herausbringt, werden sie beworben und sind überall zu sehen. Welches kleine Mädchen kennt denn Frida Kahlo? Es werden nicht sehr viele sein in Europa. Die wirklich sehr schöne und authentische Puppe macht neugierig. Sie ist überaus ähnlich und trägt die Tracht, die die Künstlerin in ihrem Leben bevorzugte. Auch hier sind die Beine straight, Arme und Handgelenke dafür nicht. Flache Füße mit einer Art Espadrilles runden das ganze ab.

Wenn Kinder sich fragen, wer Amelia Earhart oder Frida Kahlo sind, dann ist das doch eine gute Sache. Es ist keine Herabwürdigung der Person. Eher das Gegenteil, denn niemand regte sich über Marilyn Monroe oder Liz Taylor auf, als sie im Maßstab 1:6 erschienen. Wahrscheinlich passten sie in den Augen des Publikums gut zum Diven-Image. Aber wer würde behaupten, dass Liz Taylor keine besondere Künstlerin war oder auch Monroe, die weitaus mehr zu bieten hatte als einen hinreißenden Körper. Von diesem Blickwinkel aus ist die Verärgerung der Erben Kahlos schon eine Beleidigung für andere Künstlerinnen.

Barbie-Gruppe: Amelia, Victoire und Frida

Barbie-Gruppe: Amelia Earhart, Victoire und Frida Kahlo

Aber wie auch immer, diese drei Puppen scheinen mir die ganze Geschichte der Barbiepuppen zu erzählen. Von der dekorativen Schönheit der Anfänge, die allerdings schnell von den Allround-Karrierefrauen der achtziger Jahre abgelöst wurden, bis hin zu Persönlichkeiten wie Amelia Earhart, Frida Kahlo oder anderen Puppen, die nach berühmten Vorbildern gestaltet wurden.

Vielfalt - das ist es. Und so soll es sein.